Ghetto Kommentarspalte: Die Mitschuld der Medien an der politischen Parallelwelt im Netz

Die Kommentarspalte von Medien entwickelte sich in den letzten Jahren zu einer politischen Kampfzone. Der Leserdialog sollen deswegen Teil des journalistischen Pflichtenhefts sein. Aus demokratiepolitischen und kommerziellen Gründen. Warum wir dabei ironischerweise von Facebook lernen können.

Sie ist einer der wichtigsten und meistgehasstesten Schauplätze der politischen Debatte im Netz: Die Kommentarspalte von Medienportalen. Hier treffen verschiedene Meinungen ungefiltert aufeinander. Hier sieht man Sichtweisen und Weltanschauungen, von denen man in den algorithmusgetriebenen Echokammern der Social Media verschont geblieben ist. Denn die Foren gelten als Tummelfeld für Trolle. Verlage und Journalisten schauten ohnmächtig über das Treiben im Kommentarwesen hinweg. Sie akzeptierten das verwilderte Gärtchen unterhalb ihres Artikels, weil Leserbeiträge in das Klickkonto und in die Verweildauerminuten einzahlten. Zwei Messgrössen, die wiederum für Werbekunden relevant sind. Diese Ignoranz ist fatal für die Glaubwürdigkeit von Medien und für die Demokratie. In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen warum.

Negative Leserkommentare = schlechter Artikel

Es ist aus der publizistischen Forschung bekannt, dass Leser auch Kommentare mitlesen. Ebenso weiss man dass nur eine Minderheit der Leserschaft mitkommentiert. Oftmals sind es diejenigen, die nicht mit der These des Texts einverstanden sind. Und ebenso ist erwiesen, dass die Bewertungen von Lesern die Wahrnehmung der Qualität eines Artikels mitprägt. Fallen die Leserkommentare sehr negativ aus, so bewertet auch der schweigende Leser den Artikels oftmals schlechter. Es liegt also im ureigenen Interesse von Journalisten, hier Gegensteuer zu geben.

Was haben diese Versäumnisse nun mit Politik zu tun? Viele Qualitätsmedien in den USA und Europa stehen seit der Wahl des neuen Präsidenten in der Kritik. Die Fokussierung auf die Person Donald Trump und die Stimmungsmache gegen ihn, hätten aus dem TV-Star “einen König” gemacht. Die zu starke wortwörtliche Auslegung seiner Tweets sei eines der grössten Fehler im Umgang mit der Person Trump gewesen. Auf eine “Zu viel oder zu wenig Trump”-Debatte möchte ich mich an dieser Stelle nicht einlassen. Auch über den Siegeszug von Fake News-Anbietern und ihre Rolle beim Wahlkampf wurde schon viel geschrieben.

Fakt ist: Viele der politischen Debatten werden im Netz neben Facebook& Co auch in den Foren von Online-Medien ausgefochten. Und hier liegt der Hund begraben. Eines der grössten Fehler im Wahljahr ist es meiner Meinung nach die Verweigerung vieler Journalisten von traditionellen Medienverlagen sich mit Leserreaktionen auseinanderzusetzen. Unterhalb von Artikel und Postings der Qualitätsmedien wie FAZ, NYT, Guardian und andere haben sich nämlich regelrechte Paralleluniversen entwickelt.  Anstelle die von Lesern vorgebrachten Einwände und Verlinkungen zu verschwörungstheoretischen Blogs sachlich und argumentativ zu zerlegen, ignorieren Journalisten die Kommentarghettos unterhalb ihrer Thesen und Beobachtungen zum Wahlkampf. Die meisten Redaktoren verharren nach wie vor (wie auch viele Politikerinnen und Politiker) im Sendemodus. Sie haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu den sozialen Medien. Facebook verhalf ihnen je nach thematischen Aufhänger zu teilweise hohen Leserzahlen. Das Schielen auf die Klickrate führte dazu, dass sie Facebook und Twitter vermehrt als Linkschleuder missbraucht, statt als Dialogkanal verstanden haben.

 

Die Ignoranz von Journalisten befeuert die Politikverdrossenheit

Dieser alte Kommunikationshabitus von Journalistinnen und Journalisten wiederum hat zur Folge, dass Leserinnen, die eben immer auch Wählerinnen sind, sich nicht ernst genommen fühlen. Unmut über die Ignoranz vieler Redaktionen bestärkt die Politikverdrossenheit.  Neue Faktencheck-Formate wie sie verschiedene Medien wie Buzzfeed anbieten, sind zweifellos gute Beispiele für zeitgemässen serviceorientiertem Digitaljournalismus. Doch würden sie gerade „faktenresistente“ und laute Leser erreichem, wenn Journalisten ihre Fachkompetenz direkt im “1:1-Nahkampf” in den Kommentarfeldern angewendet hätte.   Stephan Goldmann schreibt im Blog über Online-Journalismus “Lousypennies” dazu: “Ich halte es für fatal, wenn News-Seiten darauf nicht reagieren. Denn wird hier der Zweifel gesät, der Menschen in die Arme der „Alternativen Medien“ treibt. Bei denen wird der Zweifel bestärkt, wird eine neue Erzählung gesetzt, die nicht mehr angezweifelt wird. Denn in dortigen Kommentaren wird nur lauthals bestätigt.”

Journalisten sollten Boni erhalten, wenn sie Zeit in den Dialog investieren

Der Autor hat einen simplen konstruktiven Vorschlag gemacht, wie man diese Parallelwelt auflösen könnte. Das Aufgabenprofil eines Online-Journalisten soll ab sofort um den Schwerpunkt Dialog-Arbeit erweitert werden. Community Arbeit wird Bestandteil des Pflichtenhefts. Nach der Publikation eines Artikels nimmt sich die Redakteurin den Rest des verbleibenden Tages Zeit, auf sämtliche (konstruktive und beantwortungswürdige) Kommentare einzugehen.  Sie kümmert sich zudem um die Distribution ihres Texts auf Social Media, Newsletter und gute Auffindbarkeit bei Suchmaschinen. Dass dabei Tonalität, Sachlichkeit und der Leserfragen sich erheblich verbessern, wenn sich kommentierende Leser ernst genommen fühlen, versteht sich von selbst. Es ist nämlich keine Rocket Science, sondern einfach eine Verschiebung der Prioritäten. Eine Frage der Haltung und Wertschätzung der Leser.

Dafür braucht es auch ein Back-Up durch den Chef. Redaktionsleiterinnen und Redaktionsleiter müssen ihre Angestellten von der Aufgabe entbinden, zu viele Texte für das Web produzieren (die zu einem grossen Teil ohne kaum gelesen werden). Besser man schreibt nur zwei Texte pro Woche als drei, wendet aber genügend Zeit für das “Drumherum” auf, also dafür, dass die Artikel teilbar, debattierbar und besser auffindbar machen. Seriöse Publizistik muss es sich im Zeitalter wachsender “alternativer Medien” zur Aufgabe machen, redaktionelle Entscheidungen zu begründen und kritischen Lesern auf Augenhöhe zu begegnen.

Diese Dialog-Offensive ist nicht aus demokratiepolitischer Sicht geboten. Sie würde sich auch kommerziell auszahlen. Denn je mehr Bewegung ein Artikel im Netz erhält, desto besser ist seine Indexierung aufgrund besserer Bewertung durch die Suchmaschinen. Die Verweildauer von Lesern wird nicht zuletzt auch durch den permanenten Dialog verbessert.

Man muss an dieser Stelle auch erwähnen, dass es bisher auch keine Anreize für Journalisten gab, Leserinnen ernstzunehmen. Die Mitwirkung von Autorinnen und Autoren hat keine Auswirkung auf redaktionelle Entscheidungen. Sie bestimmt auch nicht über die Platzierung des Artikels innerhalb einer Website. Die Zeit, während derer ein Autor sich seiner Leser annimmt, wird somit weder algorithmisch belohnt noch von der Chefetage registriert. Dies führt dazu, dass der Dialog mit Lesern für die Redaktion sowohl in publizistischer als auch in kommerzieller Hinsicht irrelevant ist. Es wäre somit auch mal an der Zeit, über variable Lohnbestandteile zu reden und Boni an dialogfreudigen Journalistinnen zu vergeben.

Facebook bietet für Fanpage-Betreiber Anreize zu kommentieren

Verlage täten also mehreren Gründen gut daran, etwas gegen die Verwahrlosung in ihrem Kommentargarten zu unternehmen. Die Probleme sind hausgemacht.  Gerade hier könnte man ironischerweise von Facebook lernen. Denn das grösste soziale Netzwerk hat eine attraktive Umgebung für die Interaktionen von Medien mit ihren Usern kreiert. Je mehr Administratoren von Facebook-Seiten auf die Kommentare ihrer Anhänger eingehen, desto länger ist die Halbwertszeit eines jeweiligen Beitrags. Die Intervention von Fanpages-Betreibern wird von der Plattform belohnt. Und das ist ein technisch geschickter Zug, befördern doch langwierige Kommentarthreads die  Zirkulation von Postings. Alle Interaktionen wirken wiederum auf das Herzstück von Facebook ein, den Newsfeed-Algorithmus.

Diese Belohnungsmechanismen haben dummerweise nur die Fake News-Anbieter und Verschwörungsblogger so richtig kapiert. Sie treten zum richtigen Zeitpunkt und geschickt die Debatten los. Sie erzeugen mit provozierenden Aufforderungen und Forderungen (“Down with Globalists! Write it in the comments!”) ein Reaktionstsunami, der in die algorithmische Bewertung der Facebook-Beiträge einzahlt. Die Autoren der Medien-Aktivisten-Site LibertyNewsWriter.com verfassten beispielsweise einen kritischen TTIP-Artikel. Beim Posting zum Artikel appellierten sie an ihre Fans, die Parole “Down with the Globalists” in das Kommentarfeld zu kopieren. Die User kamen natürlich der Aufforderung zu Hunderten nach und stimulierten damit den Algorithmus. Das Resultat: Die Halbswertszeiten von Postings von Fake News-Sites wie die LibertyWriters sind und bleiben hoch. Die Qualitätsmedien schaffen es kaum diese Viralitätswerte zu übertreffen, ohne ihre Ansprüche an Seriosität preisgeben zu wollen.

Unintelligente Kommentarforen sind Teil des Problems

Ganz anders die technische Beschaffenheit der Kommentarforen der meisten Verlage. Sie sind so einfach programmiert wie simple Web 1.0-Anwendungen, also das Gegenteil von Künstlicher Intelligenz. Beiträge werden nicht nach Gehalt und Aussagekraft intelligent sortiert. Systeme erkennen und honorieren keine differenziert argumentierende Leserinnen, jeder Kommentator muss sich auch nach dem 150-igsten Beitrag durch die Moderationschlaufe schleusen lassen. Die Anordnung der Beiträge erfolgt meistens vertikal chronologisch oder nach Bewertung anderer User, was gerade orchestrierten Aktionen von Trollen Tür und Tor öffnet. Leserbeiträge mit Mehrwert können nur händisch von Redaktoren hervorgehoben werden.

Doch die gute Nachricht zum Schluss: Es gibt bereits erste Initiativen von Medien und sie tragen Früchte. Der «Guardian» beschloss 2016, eine gründliche Fehler- und Ursachenanalyse vorzunehmen. In einem Langzeitprojekt wollte man sich der toxischen Teile seiner Lesergemeinschaft entledigen. Dabei werden Leser durch interaktive Spielformen in die Pflicht genommen. Sie können sich jeweils in die Rolle des Moderators versetzen und entscheiden, welche Kommentare freigeschaltet werden sollen.

Im deutschsprachigen Raum probieren die Sueddeutsche.de und die NZZ neue Konzepte aus, indem sie selektive Leserdebatten anbieten.  Diese Auslagerung auf soziale Netzwerke oder die Einschränkung der Kommentarfunktion ist keine Kapitulation. Eine Entscheidung für oder gegen Leserbeiträge soll getroffen werden und zwar bewusst. Passt die Auseinandersetzung mit Leserraktionen zur Online-Publizistik-Strategie? Welches Diskussionniveau möchte man als Medienmarke? Sind Kommentare einfach nettes „nice to have“, das Medienschaffende getrost ignorieren sollen? Falls Letzeres der Fall ist, soll man zum Wohle aller Beteiligten (Leser, Journalisten und Verlage) lieber darauf verzichten, ein elektronisches Ventil zum Dampf ablassen anzubieten.

Hinweis: Auch dieser Beitrag war ein Kandidat für mein Buch „Smartphone-Demokratie“. Aus Platzgründen und weil der Schwerpunkt auf den Social Media-Plattformen lag, habe ich mich dann doch dagegen entschieden.

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