“Regierungen müssen digitale Räume für deliberative Debatten schaffen“

Die sozialen Netzwerke haben die politische Netzsphäre kolonialisiert und zersplitterte “Kleinst-Agoren” geschaffen. Sie entsprechen nicht den hohen Anforderungen eines deliberativen politischen Diskurses. Welche Kriterien ein solches Debattennetzwerk erfüllen muss, erklärt der Politologe und Deliberationsexperte Kim Strandberg Åbo Akademi University Vasa in Finnland im Gespräch.

Aus der Deliberationsforschung ist bekannt: Das Design eines sozialen Netzwerks und die damit verbundenen Anreize beeinflussen unser Diskussionsverhalten. Mit den richtigen Interaktionsregeln, Moderationssystemen und interaktiven Software-Tools liessen sich digitale Arenen für konstruktive Auseinandersetzungen aufbauen, zeigen verschiedene Studien. Einige Initiativen aus der #CivicTech-Szene erfüllen bereits diese sehr hohen Anforderungen für eine hohe politische Diskursqualität.
Wie diese genau in der Theorie aussehen sollen, wollte ich von Professor Kim Strandberg von der Åbo Akademi University Vasa in Finnland wissen. Seine Schwerpunktthemen sind politische Meinungsbildungsprozesse im Internet, insbesondere deliberative Entscheidungsprozesse von Bürgern.

Adrienne Fichter (AF): Sie schreiben in Ihren Analysen, dass deliberative Regeln ein gutes Gegenmittel gegen die Polarisierung in der Netzsphäre sei. Wie müssen diese Regeln aussehen?

Kim Strandberg (KS): Die Regeln soll ermutigen und sollen von allen Diskussionsteilnehmern einer Gruppe Respekt einfordern. Sie sollen die Leute dazu befähigen, mehrere Gesichtspunkte zu einem bestimmten Thema einnehmen zu können. Es ist ausserdem zentral, dass man rational argumentiert, und bei Behauptungen immer versucht, mit Argumenten und Fakten zu untermauern. Ausserdem sollen die Regeln allen Diskussionsteilnehmern gleich viel Gehör verschaffen. Jeder soll zum Reden, beziehungsweise zum Schreiben kommen. Nicht immer dieselben. Wichtig ist das Setting und auch die technischen Finessen, die unterschiedliche Signale und Anreize an uns senden. Auch die aus vielen Plattformen und Medienportalen bekannte Möglichkeit, Debatten in Unterthemen zu gliedern – sogenannte Diskussionsthreads- steigert die Diskussionsbereitschaft der Teilnehmer. Wenn User die Interessen und Kompetenzfelder selber wählen und sich dort einbringen können, fördert dies die breite Beteiligung.

 

Politologe und Deliberationsexperte Kim Strandberg
Politologe und Deliberationsexperte Kim Strandberg

AF: Weshalb erfüllen die dominierenden Plattformen, also Facebook und Twitter, diese deliberativen Regeln nicht?

KS: Ich denke diese Plattform sind nicht so konzipiert oder so designt, um die doch sehr strengen Kriterien der deliberativen demokratischen Theorie zu erfüllen. Facebook und Twitter bieten Räume für Debatten. Aber Diskussionen, die nach den Regeln der Deliberation funktionieren sollen, entstehen selten einfach so „im wilden Westen“. Die Politikwissenschaftler Wright und Street haben bereit 2007 geschrieben, als die sozialen Netzwerke noch weniger Mitglieder hatten, dass das Internet zwar das virtuelle Setting für grossangelegte Deliberationsprozesse biete. Doch es sei naiv zu glauben oder zu erwarten, dass man mit diesen Foren oder Plattformen deliberative Debatten durchführen könnte. Dies war ja die Hoffnung vieler zivilgesellschaftlicher Gruppen und Organisationen sowie auch der Politik. Doch Facebook und Twitter wurden nicht speziell für den Zweck deliberative Demokratie konzipiert.

AF: Wieso sind rationale digitale Räume so wichtig geworden für die westlichen Demokratien im Zeitalter von sozialen Medien?

KS: Im derzeitigen Klima, in welchem falsche Fakten und sehr viel Hass verbreitet werden, ist es von ungeheurer Wichtigkeit geworden, Orte der rationalen oder konstruktiven Diskussion zu haben. Ansonsten werden die aktuellen Tendenzen schlimmer. Der Harvard-Professor Cass Sunstein hatte bereits 2007 über Meinungspolarisierung im Netz geschrieben. Er argumentierte, dies sei etwas, was nur passieren kann, wenn Leute nur noch mit gleichgesinnten Bürgern diskutieren. Es gibt zu viele Plattformen, die in der Tendenz gleichgesinnte Bürger in solche homogene Enklaven manövrieren. Die Internet-Nutzung sowie die Nutzung dieser Plattformen in unseren Gesellschaft nimmt generell zu. Es ist daher wohl umso wichtiger und fast unumgänglich geworden, dass Regierungen neue deliberative Räume im Netz gestalten sollen, um gegen negative und antagonistische Entwicklungen in der Öffentlichkeit anzukämpfen. Und nicht zuletzt ist das gemeinsame Faktenverständnis zentral. Viele Probanden in unseren Experimenten werteten es als positiv, wenn die Forscher neutrale Informationen für das bessere Verständnis eines konkreten Problems bereitstellten. So dass man sicher gehen kann, dass alle vom “Gleichen” reden. Besonders der letzte Punkt verdient in Zeiten des Kampfs gegen Fake News im Internet Beachtung.

AF: Sie schreiben, dass Anonymität dazu führen würde, dass Diskussionsteilnehmer weniger respektvoll miteinander umgehen. Aber verschiedene Studien zu Leserkommentare und verschiedene Medienberichte zeigen, dass gerade aggressive und beleidigende Nutzer mit ihrem echten Namen auftreten?

KS: Sie beziehen sich auf den Artikel von Berg und mir aus dem Jahr 2015. Wir sagen nicht direkt, dass Anonymität die Diskussionsteilnehmer respektloser mache. Das stimmt nämlich nur in der Theorie. Unsere Befunde zeigen, dass die Anonymität bei den von uns durchgeführten Deliberationsexperimenten zweitrangig ist. Viel wichtiger für die Qualität des Diskurses war das Kriterium, ob die Debatten live geführt worden sind, was unserer Erfahrung nach zu einer niedrigen Kommentqualität führte. Debattierte man asynchron, also zeitversetzt miteinander, waren die Argumente besser.

AF: Der Trend von Live-Debatten (wie Facebook -Live) auf Social Media widerspricht den Idealen der deliberativen Demokratie sogar noch mehr. Wieso ist die Kommentarqualität bei Live-Debatten so viel schlechter?

KS: Das hängt massgeblich damit zusammen, wieviel Zeit man damit verbringt einen Beitrag zu schreiben. In einer Live-Situation, wie beispielsweise bei Facebook Live, ist alles unmittelbar und es gibt keine Zeit für Reflexion, beziehungsweise man nimmt sich diese nicht, oder sucht nicht nach weiteren Fakten. Jede Argumentation ist meistens flach. Asynchrone Kommunikation – also das zeitversetzte Diskutieren, wie es in den meisten Foren und sozialen Netzwerken passiert- begünstigt deliberative Kommunikation eher als Echtzeitkonversationen. In asynchronen Debatten hast Du Zeit, Argumente durchzudenken und achtest auf Deine Rechtschreibung. Eine konstruktiv durchgeführte Moderation durch ein externes Community Management-Team verbessert die Qualität von Online-Debatten in puncto Rationalität, Respekt und Stringenz.

AF: Sie schreiben, dass fehlende Motivation von Bürgern viel entscheidender waren für erfolgreiche deliberative Debatten im Netz als das technische Vorwissen. Können Sie mir das noch etwas genauer erklären?

KS: In allen Online-Experimenten, die ich durchgeführt habe, war es sehr schwierig, Teilnehmer zu rekrutieren, beziehungsweise Leute zu finden, die Interesse haben an deliberativer Debatte. Vielleicht, wir wissen es jetzt noch nicht, wären Bürger motivierter, wenn man diese deliberativen Debatten mehr in die Politik einbindet der Entscheidungsträger, so dass die Bürger merken und spüren, dass es eine Rolle spielt, wenn sie sich argumentativ mit einem Thema auseinandersetzen. Ein akademisches fiktives Experiment ist jetzt vielleicht nicht so attraktiv und relevant für Bürger, um mitzumachen. In Zukunft nimmt die digitale Durchdringung der Gesellschaft noch mehr zu, die Digitialaffinität wird nicht mehr ein entscheidendes Kriterium mehr sein. Ob wir dadurch die Motivation für Deliberation erhöhen können, ist aber ungewiss.

AF: Eine wichtigsten Ziele von deliberativen Debatten ist die Konsensorientierung. Wie muss die perfekte Software oder Technologie designt werden, damit sie für viele User attraktiv sein wird?

KS: Die perfekte Online-Technologie oder nennen wir es besser der perfekte „deliberative Hort im Netz“ muss sich in die Welt des Internets einfügen. Es macht keinen Sinn, die perfekten Vorlagen aus der realen Welt zu kopieren und sie ins Netz zu übertragen. Die idealtypische Software für deliberative Debatten muss eine heikle Balance finden zwischen den anspruchsvollen Kriterien der deliberativen Demokratie und gleichzeitig nicht zu abgehoben und „unnatürlich“ für den durchschnittlichen digitialaffinen Bürger sein.

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