Eine App für die „Trump-Demokraten“

Viele Leader der berühmtesten Tech-Unternehmen im Silicon Valley waren nach der US-Wahl konsterniert. Sie haben realisiert, dass ihre Denke, Lebensweise und ihre Werte nur für einen Part der Bevölkerung gelten. Einige verfielen in Aktivismus und wollte den Bundesstaat Kalifornien lossagen vom Rest der Vereinigten Staaten. Andere forderten, dass das Technologie-Mekka mehr für die Demokratie tun könnte als Konsum-Apps zu kreieren.

Das „Tinder für Politik“

Es gibt sie jedoch bereits schon, die Polit-Unternehmer unter den Techies. Eine der bekanntesten Anwendungen auf dem Polit-Markt ist “Brigade” (Google Play/ App Store), das derzeit nur für den US-Kontext verfügbar ist. CNN nannte es das „Tinder für Politik“. Das Unternehmen behauptet von sich ein genuines Netzwerk für Wähler zu sein. Es wurde von einem Gründer der Musiktauschbörse Napster und bekennenden Republikaner mitfinanziert, Sean Parker. CEO Matt Mahan führt das Start-Up.

Der Führungsriege ist bewusst, welches schwieriges „Konsumgut“ sie sich für ihr Geschäftsmodell ausgesucht haben: “Alle hassen Politik. Die Zustimmung zum Kongress und das Vertrauen in die Regierung sind auf einem historischen Tief.  Das System ist kaputt. Doch alle unsere Nutzer haben alle ein politisches Problem, das sie beschäftigt. Und dieses sollten sie thematisieren auf Brigade” sagte Parker dem Portal sfgate.com im Jahr 2014. Ausserdem ist es schwierig eine App rund um die Restriktionen und Vorgaben eines politischen System zu bauen. Die nach Grenzenlosigkeit strebende Internet-Nutzung und altmodische, behäbige Staatsinstitutionen vertragen sich nicht besonders.

Bei Brigade kann man Abstimmungen lancieren, sich zu offiziellen Kandidaten bekennen, offene Debatten anstossen und damit alle User “herausfordern”. Die App lernt über die Zeit anhand von Umfragen mehr über die politische Einstellung ihrer Gemeinschaft. Die Nutzer werden aber nicht von verschont von den Meinungen anderer (im Gegensatz zu den Komfortzonen auf Facebook). Anstelle von Likes, wird die Zustimmung via “Agree” und “Disagree” erfasst. Argumente werden von allen Usern gesehen und bewertet. 

Das Netzwerk lebt massgebend von “user generated content”, also von den Beiträgen seiner Nutzer. Dieser Bottom-Up-Ansatz wurde bewusst gewählt. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, gibt es im Netz doch unzählige Foren für  politische Debatten. Auch der Umgang unter den Usern ist teilweise sehr konstruktiv, teilweise aber auch sehr harsch und polemisch, wie wir es uns in anderen Foren schon gewohnt sind. Besonders seit der US-Wahl ist das Debattenklima auf Brigade spürbar aggressiver geworden. Also nichts Neues unter der (Kommentar-)Sonne? Doch. Denn die Mobile App ist aus einem ganz anderen Grund interessant.

 

40 % der sich als Demokraten bekennenden Brigade-Nutzer haben im Vorfeld der US-Wahl geäussert, dass sie Trump wählen werden.  Auch gibt es einige Informationen zur Geschlechterverteilung zu berichten: “In den Swing States die nicht den Prognosen entsprochen haben, haben wir festgestellt, dass weisse Frauen die sich als Demokraten positionierten, angegeben haben, dass sie Trump wählen werden und zwar 170 % mehr im Vergleich als im ganzen Land.” Gemäss der App haben 25 Prozent der demokratischen User des Bundesstaats North Carolina ihr Bekenntnis zu Trump abgegeben. Dasselbe auch in Pennsylvania. Die Daten einer neuen Politik-App waren also akkurater als sämtliche Umfragemethoden. Dieser Befund hat mein Interesse geweckt. Könnten neue Netzwerke für politische Diskurse bessere Trends genutzt werden?

„Wir dachten zuerst: What’s the big deal?“

Brigade CEO Matt Mahan und sein Team hatten bei ihren Auswertungen gemerkt, dass sich auf Brigade viele “Trump-Demokraten” tummeln. Sie verzichteten darauf die Daten zu veröffentlichen. Vor den Primaries hätten vor allem Sander-Anhänger die App mit ihren Themen geflutet. Nach dem Parteitag trat der Trump-Effekt ein.““Wir dachten zuerst, dass wir einfach allgemein viele konservative Demokraten anziehen mit unserer App. What’s the big deal?”

Mit 200’000 verifizierten Nutzern in den USA lassen sich nicht mal annähend Aussagen über Repräsentativität machen. Brigade-Nutzer weisen ein ausserordentlich hohes politisches Interesse aus, die Verallgemeinerbarkeit ist stark limitiert. Doch die Daten sind weniger für quantitative Zwecke interessant, inhaltsanalytische qualitative Studien umso mehr. Denn die User sind sehr aktiv, besonders in der “Get out the Vote”-Endphase.  “Unser Abstimmungsfeature wurde 13’000 Mal für Wahlempfehlungen und Themen-Abstimmungen genutzt in den letzten Wochen vor den Wahlen” resümierte Matt. Das Material ist wertvoll. Nun könnte man nämlich auswerten:  Wie lauteten die Argumente, die jene Nutzer gegen Clinton aber für Trump in ihren Empfehlungen und Aufforderungen hervorgebracht haben?

Wir sind immer noch an der Analyse unserer Daten” schrieb mir CEO Matt Mahan. Das akademische Interesse ist hoch. “Wir arbeiten in einer wissenschaftlichen Studie zusammen mit zwei renommierten Forschern,  Columbia University’s Donald P. Green and Stanford University’s David Broockman die sich mit der Frage, wie Kampagnen Wähler überzeugen und mobilisieren, auseinandersetzen. Mit ihrer Hilfe können wir unsere Mobilisierungseffekte in den letzten Tagen vor der Wahl analysieren, um herauszufinden, welche Kanäle und Inhalte die meisten Wähler angesprochen haben..”

Die nächste grosse Herausforderung für die Brigade-Macher werden die Zwischenwahlen 2018 sein. Historisch gesehen ist die Wahlbeteiligung bei der Ernennung der Senatoren und des Repräsentantenhauses stets tief. Nur 40 % der stimmberechtigten Bevölkerung nehmen teil. Bei lokalen Wahlen sind es sogar tiefe 20 %. Matt und sein Team möchten das ändern. “Diese Wahlen verändert unser Leben weit mehr als die Präsidentschaftswahlen — von der Frage, wie Deine Steuergelder verwendet werden, über Lärmschutzverordnungen bis zur Frage, wie lange Likörladen aufhaben abends.”

Vielen Dank, dass Du den Artikel zu Ende gelesen hast. Dieser Beitrag wird Teil meines Buch zum Thema Digitale Demokratie sein, das im September 2017 bei NZZ Libro erscheint.  Leider habe ich es noch nicht geschafft eine Newsletterliste zu kreieren, für die man sich anmelden kann. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf der Website von NZZ Libro für den Newsletter anmelden oder mir eine Email schreiben mit dem Betreff „Buch Digitale Demokratie“: adfichter@politikviernull.com 

3 comments on “Eine App für die „Trump-Demokraten“

  1. Sehr geehrte Adrienne Fichter

    Ich habe Ihren Artikel mit grossen Interesse gelesen. Ich bekam einen Einblick in ein für mich unbekanntes Gebiet! Habe zwar viel über die US-Wahlen und die diversen Prognosen gelesen.
    Ich bin gespannt über Ihre vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema in Ihrem Buch.
    Ich freue mich darauf!

    1. Vielen Dank, Frau Lamanna! Es würde mich freuen, wenn Sie in Zukunft noch öfters vorbeischauen würden bei meinem Web-Magazin 😉

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